KW 29: 50% der Selbstständigen mussten aufgrund der Pandemie an ihre Ersparnisse, „Überbrückungshilfen für den Mittelstand“ gestartet, Wirtschaftsverbände gegen das Lieferkettengesetz

AUS POLITIK UND WIRTSCHAFT

50% der Selbstständigen mussten aufgrund der Pandemie an ihre Ersparnisse: Unter den Folgen der Covid-19-Pandemie leiden vor allem Selbstständige. Eine neue Studie zeigt, dass  Selbstständige auf knapp 50 % ihrer Ersparnisse zurückgreifen mussten. Hinzu kommt, dass viele ihrer Arbeit gar nicht oder nur noch eingeschränkt nachgehen konnten und haben so Umsatzrückgänge verzeichnet haben. Im Juni haben von den 30.000 befragten Selbstständigen 26 Prozent staatliche Soforthilfen erhalten. Neun Prozent hätten sich Geld bei Familie und Bekannten geliehen und weitere fünf Prozent konnten ihre betriebliche Rechnungen gar nicht zahlen. Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts erklärt, dass die Coronakrise vor allem Frauen besonders hart getroffen hätte. 85 Prozent der Frauen mussten ihre Tätigkeit einschränken oder ganz einstellen. Ein anderes Bild zeigt sich hingegen bei den abhängig Beschäftigten: Sie hatten vergleichsweise nur wenig Einbußen, da eine Mehrheit von 78 Prozent der Arbeiter, Angestellten und Beamten in der Corona-Krise bis zum Juni ununterbrochen arbeiten konnten. Das Gehalt hat sich daher nicht geändert. Außer erneut auch hier bei den Frauen: Geringverdienerinnen, Hauptschulabsolventinnen haben am meisten zurückstecken müssen. Fuest fordert daher die Politik auf, diesen Gruppen besonderes Augenmerk zu schenken.
faz.net

„Überbrückungshilfen für den Mittelstand“ gestartet: Als Teil des umfassenden Konjunkturpakets sind die Überbrückenhilfen für den Mittelstand letzte Woche gestartet. Die Bundesregierung stellt 25 Milliarden Euro für kleine und mittelständische Unternehmen zur Verfügung. Überbrückungshilfen, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Betriebskosten werden bis zu einem Betrag von 150 000 Euro erstattet. Besonders Wirtschaftsminister Peter Altmaier hatte sich für diese Hilfen eingesetzt. Sie sollen Unternehmern „Planungssicherheit bis in den Herbst hinein“ bieten, so Altmaier. Im August werde entschieden, ob sie bis nächstes Jahr verlängert würden. Besonders Branchen etwa das Hotel- und Gaststättengewerbe, Clubs und Bars, Reisebüros und Schausteller soll damit unter die Arme gegriffen werden.
wiwo.de, zdf.de

Viele Wirtschaftsverbände sind gegen das Lieferkettengesetz: Mit ihren Geschäften schädigen viele deutsche Unternehmen nicht nur die Umwelt, sondern verstoßen gegen grundlegende Menschenrechte. Daher wollen Arbeitsminister Hubertus Heil und Entwicklungsminister Gerd Müller ein Lieferkettengesetz durchsetzen, mit dem menschenrechtliche Standards im Ausland von deutschen Wirtschaftsverbänden aufrechterhalten werden. Für menschenrechtliche Verstöße im Ausland wie Kinderarbeit sollen deutsche Unternehmen einschließlich ihrer Lieferanten daher verantwortlich gemacht. Da sie auch für das Verhalten Dritter in Haftung genommen werden sollen, stemmen sich jedoch viele Spitzenverbände gegen das Gesetz. SPD Fraktionsvize Katja Mast meint, dass Unternehmen grundsätzlich nichts zu befürchten hätten, wenn sie die menschenrechtlichen Standards einhielten. Gewerkschaften und kirchlichen Verbänden haben Unternehmen scharf kritisiert, nach dem sie zur Befragung ihrer Compliance-Haltung diese im Vorfeld stark verwässert hätten. Den aktuellen Ergebnissen nach scheint es, als würden weniger als die Hälfte der befragten Firmen die verabredeten Mindeststandards einhalten.
marktundmittelstand.de, sueddeutsche.de

Droht die nächste Bankenkrise? Rund 7.000 Privatkunden bei der Deutschen Bank und der zum Konzern gehörenden Postbank hätten beantragt, Zins- und Tilgungszahlungen auf ihre Darlehen auszusetzen. Ökonomen rechnen mit einer Bankenkrise. Allein Anfang Juni zählten die Sparkassen 189.000 gestundete Verbraucherkredite. Bei der ING wären in den vergangenen Wochen vermehrt Anfragen von Privatkunden nach Tilgungspausen und Tilgungsherabsetzung oder Anträge auf Stundung von Raten eingegangen.  Schuldner müssen ihre Zahlungen wieder aufnehmen, da es gegebenenfalls zu einer neuen Bankenkrise kommen könnte. Sie würde nicht nur der Wirtschaft, sondern auch vor allem Unternehmen und Verbrauchern schaden. IWH-Präsident Reint Gropp schlägt eine Konsolidierung des deutschen Bankenmarktes vor, die mittelfristig die Produktivität steigern und damit die Wirtschaft beleben könnte. Denn das Problem in Deutschland seien vor allem die Überkapazitäten.
faz.net, focus.de

 

Erste Erholung nach dem Lockdown: Prof. Dr. Micheal Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, lobt das Krisenmanagement der Politik- auch wenn zunächst der Mittelstand nicht ausreichend mitbedacht wurde. Die Maßnahmen des Konjunkturpakets – beispielsweise die Mehrwertsteuersenkungen, der Familienbonus oder die Überbrückungshilfen seien angemessen. Ebenfalls  seien die EU-Maßnahmen, die zumindest auf europäischer Ebene ein Gegengewicht zur zunehmenden Re-Nationalisierung und Erschöpfung der Globalisierung bilden, wertzuschätzen. Denn der weltweite Lockdown hat zu beispiellosen konjunkturellen Einbrüchen geführt, die in den einzelnen Volkswirtschaften und ihren jeweiligen Branchen unterschiedliche Auswirkungen haben. Weiterhin besteht auf dem Gebiet der Technologieentwicklung Bedarf, der allerdings durch die Pandemie enorm beschleunigt wurde.
iwkoeln.de

Kurzmeldungen
Mehrwertsteuersenkung wird vom Mittelstand schlecht eingeschätzt heise.de
Wettbewerbsnachteile durch CSR-Verpflichtung? marktundmittelstand.de
Corona schafft Innovationen cio.de
Wie sehr sind StartUps und Mittelstand verworben? gruenderszene.de

RAT UND TAT

„IoT ist die Zukunft“: Für den Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer ist das Internet der Dinge die Zukunft. Er investiert in das Startup ZkSystems, die Maschinen das Kommunizieren beibringen will. Die Technologie werde nicht nur helfen, Wertschöpfungsketten besser zu managen und zu optimieren, sondern das Internet der Dinge werde vor allem die industrielle Infrastruktur von Grund auf verändern, so Maschmeyer. Gerade im deutschen Maschinenbau werde IoT völlig neue Geschäftsmodelle ermöglichen. Seines Erachtens ergäben sich mit den daraus gewonnenen Daten enorme Reaktionsgeschwindigkeiten und großes Optimierungspotential entlang der Wertschöpfungskette. Gerade für eine deutsche Vorzeigeindustrie wie den Maschinenbau sei das IoT eine große Chance.
n-tv.de

Deutschland im schlechten europäischen Mittelfeld: Gerade die Pandemie hat gezeigt, wie sehr Unternehmen schnelles Internet benötigen – gerade der Mittelstand. Doch eine Studie des Statistischen Bundesamts zeigt nun, dass nur 59 Prozent der Unternehmen in Deutschland einen Breitbandanschluss mit einer Übertragungsrate von mindestens 30 Mbit/s haben. Damit sind deutsche Unternehmen noch immer unterversorgt, wenn es um ortsfeste Breitbandverbindungen geht. Im Vergleich dazu liegen die Zahlen in Dänemark bei 87 %, Schweden bei 82 % und die Niederlande bei 75 %. Deutschland also im europäischen Mittelfeld. Da viele Betriebe ihre Mitarbeiter seit März ins Home-Office schicken mussten, werde aber aufgerüstet und immer schnellere Internetzugänge gebucht – schließlich müssen die Unternehmen ihren Mitarbeitern einen schnellen Zugang zum Firmennetz ermöglichen.
mittelstand-nachrichten.de

 

Bundesregierung will Börsengang für mittelständische Unternehmen interessanter machen: Laut Mittelstandsexperte Stefan Hauschild des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands sei der Mittelstand „fit wie nie“. Die Eigenkapitalquote sei zuletzt auf 39% gestiegen und die Tendenz ginge weiter. Dennoch verbleibt der Gang zur Börse im deutschen Mittelstand eine Ausnahmeerscheinung. Mit 3,3 Millionen Mittelständlern in Deutschland fallen die 450 börsennotierten Unternehmen aus dem 2017 eher bescheiden aus. Das habe vor allem mit den verbundenen Kosten für die Vorbereitung zu tun, erklärt DSGV-Experte Hauschild. Viele traditionelle Familienunternehmen möchten zudem keinen Kulturwechsel. Stattdessen sehe man permanente Reinvestitionen der Gewinne in das eigene Unternehmen. Die EU und Bundesregierung wollen den Börsengang für mittelständische Unternehmen mit dem neuen Wertpapierprospektgesetz interessanter machen. Durch die neue im Sommer verabschiedete europäische Prospektverordnung, soll der mit einem Börsengang verbundene bürokratische Aufwand sowie die Kosten für künftige Emittenten verringert werden.
faz.net

Politik wird Home-Office finanziell künftig unterstützen: Nach einer Studie des Münchner Ifo-Instituts dürfte das Arbeiten von zu Hause aus dürfte in vielen Unternehmen neue Normalität werden. Die Studie ergab, dass jedes 54 Prozent der Unternehmen ihre Beschäftigten auch künftig verstärkt von zu Hause aus arbeiten lassen wollen. Eine vollständige Verlagerung ins Home-Office dürfte jedoch eine Ausnahme bleiben, erklärt Jean-Victor Alipour, Mitautor der Studie. Vor allem der Mangel an sozialen Kontakten zu Hause könnte dauerhaft eine Belastung darstellen.  Ein Großteil der Unternehmen will dennoch zurück zu weniger Homeoffice. Hessens Finanzminister Michael Boddenberg (CDU) schlug vor, Beschäftigte im Homeoffice steuerlich zu entlasten. Da es bislang für Arbeitnehmer schwierig ist, beim Finanzamt ein Arbeitszimmer anerkannt zu bekommen, sieht Boddenberg seinen Vorschlag als eine Ergänzung zu den bestehenden Regelungen. Es bleibt abzuwarten, ob eine solche Steuerentlastung auch eingeführt wird, da Steuergesetze in der ausschließlichen Zuständigkeit des Bundes liegen.
zeit.de

AUS GESPROCHEN

„Jeder, der möchte und bei dem es der Arbeitsplatz zulässt, soll im Home-Office arbeiten können – auch wenn die Corona-Pandemie wieder vorbei ist.“

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil fordert sogar ein Recht auf Home-Office.
br.de

AUS DER REIHE

25 Jahre MP3 : Als Steve Jobs 2001 den ersten iPod vorstellte, war es erstmalig möglich 1.000 Lieder auf einem kleinen Gerät zu speichern. Man würde denken, dass Apple dies auch im hippen und revolutionären Kalifornien erfunden hat. Tatsächlich aber wurde das Musikformat in Deutschland, im fränkischen Erlangen, erfunden . Die Ursprünge reichen zurück bis 1982, als der Student Karlheinz Brandenburg in seiner Doktorarbeit versuchte, Musikdateien so klein zu machen, dass man sie in ordentlicher Qualität über eine digitale Telefonleitung (ISDN) übertragen kann. Forscher am Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen entwickelten diese Idee weiter. Am 14. Juli 1995 erhielt das digitale Format schließlich seinen Namen: MP3. Eine revolutionäre Erfindung aus Deutschland, die die Musikindustrie daraufhin völlig umgekrempelte.
sueddeutsche.de